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| Leseprobe: Ynsanter: Seele des Feuers Band 1 |
| Die Vergangenheit |
| Kapitel 1 - Der Überfall |
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Die Vergangenheit
Es begann mit der Erschaffung Zantheras durch die große Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes, jene, die Anfang und Ende von allem ist, jedoch keinen Namen hat. Sie gab einen Teil ihres Wesens hin und formte daraus die Erde. Ihr Atem war die Luft und ihre Freudentränen waren das Wasser. Das Feuer ihrer Hingabe hielt alles zusammen. Schließlich gab sie ihrer Schöpfung den Namen Zanthera. Glücklich über ihr Werk betrachtete sie es eine Weile und bemerkte, dass etwas fehlte. So erschuf sie die Pflanzen und die Tiere, damit diese auf der Welt wandelten. Doch damit nicht genug, erweckte sie die Wächter der Vergangenheit zum Leben, Kreaturen von Größe und Macht und mit keinem anderen Lebewesen vergleichbar. Im Auftrag der Göttin zogen sie durch die alte Welt, um zu schützen die Luft, das Wasser, die Erde und das Feuer. Ihre Körper waren von Schuppen bedeckt, die leuchteten so hell wie das hellste Sonnenlicht oder waren so finster wie der tiefste Schatten. Ihre Größe reichte an den höchsten der Bäume heran, auf ihrem Kopf saßen zwei Hörner und ihre Kraft war so mächtig wie das Feuer der Erschaffung, während ihre goldenen Augen von ihrem stolzen Charakter zeugten. Die Wächter waren die schönsten und gefährlichsten Geschöpfe, aber die Welt sollte nicht ihnen alleine gehören. Schließlich erweckte die Schöpferin die Seelen der Iyana zum Leben und schickte sie nach Zanthera, damit die Erde von ihnen vollendet würden. Lange Zeit blieb es ruhig und friedlich. All ihre Geschöpfe wuchsen und gediehen und lebten Seite an Seite. Die Seelen vermehrten sich und erfüllten das Herz ihrer Schöpferin mit Stolz. Besonders eine Seele erregte die Aufmerksamkeit der großen Göttin. Sie hatte etwas an sich, das sich mit keinem Wort in keiner Sprache beschreiben ließ. Viele Male stieg die Göttin zu dieser besonderen Seele herab und viele Male erfreute sie sich an ihrer Gesellschaft. Schließlich wurde aus der Leidenschaft ihrer Liebe ein Kind geboren. Sein Haar war rot wie Blut und seine Augen hatten die Farbe des Goldes, es war ein Sohn und sie gaben ihm den Namen Zevenaar.
Das Herz der Göttin war voller Stolz und ihr Sohn durfte auf der Welt wandeln, wie er wollte. Doch je älter er wurde, desto feuriger ward sein Wesen – und umso unbeherrschter. Er liebte seine Mutter innig, doch sie erwiderte seine Gefühle nicht, denn sie hatte ihre ganze Liebe in ihre Schöpfung gegeben. In seiner Wut stürzte sich Zevenaar in das Feuer der Erde, um dort in den glühenden Tiefen das Gefühl zu finden, das ihm seine Mutter nicht gab: die Liebe. Doch auch hier wurde er nicht fündig. Als er aus dem rot glühenden Blut von Zanthera auftauchte, da war sein Herz ebenso glühend vor Hass wie das Feuer. Sie hatte ihm ihre Liebe verwehrt und dafür wandte er sich von ihr ab. Mit der Magie des Feuers und der Erde erschuf er ein Schwert, so mächtig und kraftvoll, dass nur ein Gott es wahrhaftig zu führen vermochte. Zevenaar erschuf Ynsanter – das Schwert des Feuers – die Seele all seines Seins. Mit dieser Waffe trat er noch einmal seiner Mutter gegenüber, und diesmal verlangte er einen Teil ihrer Schöpfung als Ersatz für die ihm verweigerte Herzenswärme. Die Göttin war verwirrt, weder verstand sie die Wandlung ihres Sohnes noch sein Handeln, war doch ihre Schöpfung für alle da. Bebend vor Verbitterung über seine Mutter und dennoch voller Zuneigung zu ihr hielt Zevenaar sein Schwert zurück. Er stürzte sich stattdessen auf ihre Schöpfung, auf Zanthera, und schlug zu. Ynsanter spaltete die Erde und ein gigantischer Riss tat sich auf. Zevenaar belegte das Land daraufhin mit einem Fluch, auf dass sich der Spalt nicht eher schließen möge, bis seine Mutter ihn mit der gleichen Liebe umgäbe, mit der sie auch ihre Schöpfung umgab. Dieser Spalt, der aus Liebe und Hass zugleich geboren wurde, wird von allen Lebewesen seither auch Zevenaar, der Feuerspalt, genannt. Der Göttersohn ließ Ynsanter auf Erden zurück und zog sich in die tiefsten Tiefen des Feuers von Zanthera zurück. Seitdem wartet er vergebens auf die Göttin, die Schöpferin des Lebens und des Todes. Doch etwas anderes tat sich auf der Welt. Die alten Wächter der Vergangenheit zogen sich zurück und die Seelen der Iyana wandelten weiterhin umher und bevölkerten das Land zu ihren Füßen. Sie erfreuten sich an der Schönheit, die ihnen geschenkt worden war. Sie liebten die grünen, weiten Felder, die endlosen Wälder und ein jedes Tier war ihr Freund.
Doch mit einem Mal kamen Fremde über das große Meer Ionnaá – die blauen Tiefen – und setzten ihre Füße auf die fruchtbare Erde des alten Volkes. Sie waren anders als die Iyana, vollkommen von ihnen verschieden. Das Volk der Göttin beschloss, die Neuankömmlinge in ihrer Heimat willkommen zu heißen, zum einen aus Neugier und auch, um die Göttin nicht zu erzürnen, die der Welt diese neue Rasse geschenkt hatte. Doch die Fremden, seither als Menschen bekannt und von der Göttin aus einem entfernten Land gesandt, waren nicht gekommen, um Freundschaft zu schließen, sie kamen, um zu erobern und das Land ihr Eigen zu nennen. Ohne Rücksicht und Gewissen griffen sie die friedlichen Iyana an und töteten viele von ihnen. Ängstlich flohen die Überlebenden in die Wälder im Norden, manche auch in die Tiefen der Berge, zu den feurigen Klüften des Südens. Die Menschen ließen sich nicht aufhalten und folgten jenen Wesen, die sie für schwächlich hielten. In ihrer Verzweiflung riefen die Iyana ihre Göttin um Hilfe. Doch diese sagte ihnen, dass sie sich zurückziehen sollen, da sie glaubte, die Menschen würden ihren Fehler bald einsehen. Aber die Göttin irrte sich. Unbeirrbar und beharrlich machten die Eindringlinge Jagd auf das Volk der Iyana. Jene, die sich in den Tiefen der Welt verbargen, erinnerten sich in ihrer Hoffnungslosigkeit an Zevenaar und riefen den mächtigen Herrn des Feuers um Hilfe. Aufgeweckt durch ihr Rufen erschien der Sohn der Göttin aus den Untiefen der Welt und sah auf die jämmerlichen Iyana herab, die ihn gerufen hatten. Erst wollte auch er ihrem kläglichen Leben ein Ende bereiten, doch als ihm eine der Frauen – Lakisha – ewige Treue gelobte, änderte er seine Meinung. Er versprach den Iyana, dass sie ihre Welt zurückerhalten würden, wenn sie seinem Weg folgten. Durch den Kuss des Feuers gab er den Wesen der Göttin die innere Kraft, die sie brauchten. Er brachte ihre Seelen zum Brennen und erfüllte sie mit seiner Stärke und Macht. Zevenaar schenkte ihnen die Kräfte des Feuers und der Erde. Seither nennen sich die Überlebenden in den Bergen Raukarii. Sie ließen ihr früheres Leben hinter sich und wurden zu jenen Wesen, vor denen sich die Menschen in Zukunft fürchteten, mit Haaren so rot wie das Feuer und Augen in der Farbe glühenden Bernsteins. Tödlich und machtvoll wurden sie so zu den Kindern des Gottes. Zevenaar nahm Lakisha – jene Frau, die ihm als Erste die Treue geschworen hatte – zu seiner Gemahlin und gab ihr das nötige Wissen und die Kraft, die Raukarii zu lehren und zu führen. Diese Welt sollte sein und seines Volkes Eigentum werden, das war Zevenaars Wille. So begann der ewige Krieg der Raukarii gegen die Menschen.
Die wenigen überlebenden Iyana in den nördlichen Wäldern der Welt verbargen sich hinter dem höchsten Gebirge, Brin-Krian genannt. Ein Tor von gewaltiger Größe markiert bis heute den Eingang nach Ianara, dem Heim der letzten lebenden Geschöpfe der großen Göttin. Verborgen hinter dichten Bäumen und Zweigen verstecken sie sich dort und vermeiden seit damals den Umgang mit den Menschen und den Raukarii. Das Gebirge Brin-Krian, auch „die Geisterberge“ genannt, soll seit jeher von den gefallenen Iyana bevölkert sein, die die Tyrannen, die einst über die blauen Tiefen in ihr Land eingedrungen waren, zurückhalten. So leben sie dort in Ruhe und Frieden und beten regelmäßig zu der großen Göttin, dass sich Zanthera eines Tages wieder in das freie Land wandeln werde, das es ehemals war. Die Iyana, die in prächtigen Städten und Siedlungen zu Hause sind, werden von den Menschen und Raukarii gleichermaßen nur „die Feen“ genannt. Ihre Erscheinung gleicht in ihren Augen der eines göttlichen Engels. Ihr langes Haar in Schwarz und Braun fällt ihnen glatt über den Rücken, ihre Augen leuchten blau, grün oder violett und sie sind von großer und schlanker Gestalt. Ein Volk, das im Einklang mit der Natur lebt.
Doch was die Raukarii und die Iyana vereint sind die tief verwurzelten Äste und Zweige ihres Seins, dem Baum des Lebens. Ihre langen, spitz zulaufenden Ohren und ihre Unbeugsamkeit sowie ein Tausende von Jahren währendes Leben zeichnen sie als die willensstarken Geschöpfe Zantheras aus.
Seit jener Zeit leben die drei Völker getrennt voneinander. Die Raukarii, von ihren Feinden auch Düsteralben genannt, bewohnen den Süden hinter dem Feuerspalt, das Land Leven’rauka. Die Menschen leben in der Mitte des Festlandes, das von seinen Bewohnern Teriman getauft wurde, von wo aus sie sich immer weiter auszubreiten suchen. Die Iyana leben im Norden hinter dem Brin-Krian, in den tiefen Wäldern von Ianara. Doch es wird eine Zeit kommen, in der diese Grenzen nicht mehr gültig sein werden, denn ein neuer Krieg bedroht die Welt. Der letzte große Anführer der Raukarii, Zakar genannt, ist vor vielen Jahrhunderten gegangen und hat das Schwert Ynsanter, das Zeichen der göttlichen Herrschaft auf Erden, mit sich genommen, in der Hoffnung, dass nur der Stärkste seiner Art das Schwert an sich nehmen würde. Das Volk der Raukarii ist seither auf der Suche nach dem Schwert ihres Gottes und wenn sie es finden, dann wird ein neuer Krieg über die Welt hereinbrechen – einer, der ihr Antlitz für immer verändern kann.
Neferrilion – Herr des Turms












