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| Leseprobe: Ynsanter: Seele des Feuers Band 1 |
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Kapitel 1
Der Überfall
Die Raukarii waren wieder auf der Jagd. Überall spähten Augen, leuchtend wie glühende Kohlen, aus der Finsternis hervor.
In der Schwärze der Nacht schlichen sie lautlos durch den großen Wald von Ianara, der sich über einen Flecken von Zanthera ganz in der Nähe des mächtigen Brin-Krian-Gebirges im Norden erstreckte. Den Rand des ausgetretenen Pfades säumten gewaltige Bäume sowie kleine Sträucher und Büsche. Die Natur wuchs hier wild und das Unterholz war dicht, sodass die nahenden, dunklen Silhouetten den Augen der wachhabenden Iyana aus dem Dorfe Wael entgingen. Langsam, einen Schritt nach dem anderen setzend, kämpften sich die geschickten Raukariisoldaten an ihr Ziel heran. Sie lagen im angrenzenden Unterholz auf der Lauer, als der Befehl laut durch die Nacht hallte und die Stille des Waldes zerstörte: „Zum Angriff!“
Wie ein Mann sprangen die Raukarii durch die Büsche auf die kleinen Holzhäuser von Wael zu. Die Überraschung war perfekt, und durch ihr grandioses Geschick mit dem Schwert, durch ihre Schnelligkeit und – nicht zu vergessen – durch ihr heimliches Vordringen waren die Raukarii klar im Vorteil. Bis die Iyana begriffen hatten, was geschehen war, war der Kampf bereits in vollem Gange.
„Raukarii! Wir werden angegriffen!“, klang von irgendwoher der panische Schrei einer Iyanafrau durch die finstere Nacht.
„Lauft um euer Leben!“, schrie eine weitere Stimme, diesmal gellend ausgestoßen von einem Mann.
Ataran Neavaras hörte die lauten Rufe, die das Unheil ankündigten; als sie an sein Ohr drangen, rissen sie ihn aus seinem ohnehin leichten Schlaf. Augenblicklich hellwach und von der Sorge ergriffen, es könnte bereits zu spät sein, sprang der große Iyanahauptmann aus dem Bett, eilte ans Ende seiner Schlafstätte und zog hastig seine dort stehenden braunen Wildlederstiefel an. Seine Kleidung, eine braune Lederhose und ein waldgrünes Hemd, hatte er nicht ausgezogen, als er sich vor einer Stunde ins Bett gelegt hatte, daher war er sofort bereit.
Schon Tage zuvor hatte Ataran Neavaras – Hauptmann der Wache des kleinen Dorfes Wael am Rand des mächtigen Brin-Krian-Gebirges – den Verdacht gehegt, dass sich ihre Feinde hier im Wald herumtrieben, obwohl es keine genauen Hinweise gegeben hatte.
Die Raukarii, auch Düsteralben genannt und einst die Brüder der Iyana, da beide vor langer Zeit aus demselben Volk hervorgegangen waren, kamen hin und wieder in den Norden. Sie durchquerten dann das Land der Menschen und gelangten letztendlich über die Berge in den großen Wald Ianara. Kaum etwas schien sie davon abhalten zu können, nicht einmal der lange Marsch über den großen Kontinent, während dem sie etliche tausend Kilometer von Süden nach Norden zogen. Diese Überfälle waren zwar selten, kamen aber dennoch kaum überraschend. Die Raukarii versuchten des Öfteren, große Beute zu machen und Sklaven zu nehmen. Gleichfalls wussten die Iyana auch um die Suche der Düsteralben nach einem der kostbarsten Relikte, die für sie bereits zu einer Art heilige Jagd geworden war.
Dabei handelte es sich um die Suche nach Ynsanter – dem Schwert des Feuers –, erschaffen von Zevenaar, um die große Göttin einst ihrem Tod zu überantworten. Das Geschenk des Sohnes der Göttin an die Raukarii, das zugleich das Herrschaftssymbol des düsteren Volkes war, war jedoch verschwunden und seit vielen Jahrhunderten unauffindbar. Das Brudervolk der Raukarii, die Iyana – auch Feen genannt und von den Raukarii mehr verachtet als die Menschen von Teriman – lebten im großen Wald Ianara und dienten der großen Göttin, der Mutter von Zevenaar. Das allein war für die Raukarii schon Grund genug, die Iyana als Feinde anzusehen und ihnen zu schaden. Tief verwurzelt in ihrem Glauben hielten sich die Düsteralben für ausgestoßen und dennoch für genauso mächtig wie den Gott, den sie verehrten. Sie huldigten dem Feuergott Zevenaar und die Legenden besagten, dass das Volk der Raukarii eines Tages einen neuen und starken Anführer hervorbringen würde, der sie zum Sieg führen und die Düsteralben zu den wahren Herrschern über Zanthera machen würde. Dabei sollte Ynsanter eine große Rolle einnehmen. Das Götterschwert sollte sich an einem geheimen Ort in Ianara befinden, den genauen Ort kannte jedoch keiner. So bekämpften und überfielen die Raukarii unablässig die Iyana und die Menschen, die es wagten, nach Leven’rauka zu kommen, oder die sich ihnen auf dem Weg nach Ianara in den Weg stellten.
Gerüchten zufolge, die Ataran zur Genüge bekannt waren, sollte Ynsanter sich irgendwo an der Küste von Ianara befinden, aber diese Vermutung schienen nicht einmal die Iyana selbst stützen zu können. Keiner vermochte den Aufbewahrungsort des heiligen Schwertes zu nennen, außer vielleicht die Hohen und Mächtigen dieser Welt. Das waren jedoch nur sehr wenige, und sie lebten entweder zurückgezogen von der Zivilisation oder schwiegen schlichtweg.
Die Ankunft der Raukarii konnte für Ataran in jenem Moment also nur eines bedeuten: Gefahr! Ob sein Brudervolk auf Raubfang oder zum wiederholten Male auf der Suche nach Ynsanter war, wurde zur Nebensächlichkeit. Sie griffen sein Dorf und dessen Bewohner an. Die Familie der Iyana schwebte in Lebensgefahr.
Erneut drangen panische Schreie an Atarans Ohr und sagten ihm, dass er keine Zeit verlieren durfte. Sein Volk brauchte ihn, als Iyanahauptmann war er für die Sicherheit seines Dorfes verantwortlich. Eilig griff er nach seinem Waffengürtel, in dem das prachtvolle Schwert aus vielfach gehärtetem Stahl steckte, und zog die Klinge im nächsten Augenblick aus der Scheide. Sie besaß einen Griff aus Elfenbein – solche Schwerter durften nur von den Hauptmännern der Iyanasoldaten getragen werden. Kein gewöhnlicher Krieger würde sich über diese schon seit Jahrtausenden bestehende Tradition hinwegsetzen. Die scharfe Klinge fest in seinen Händen, stürmte Ataran hinaus ins Freie.
Gleich darauf stand Ataran Neavaras vor seiner kleinen Behausung mitten im Dorf Wael und schaute entsetzt in das Durcheinander der fliehenden Iyana. Viele Bewohner rannten um ihr Leben oder waren schon in heftige Kämpfe verwickelt. Schreie hallten durch die dunkle Nacht, Kinder weinten und wieder gellte die Warnung aus dem heillosen Gewimmel der Flüchtenden: „Wir werden angegriffen! Es sind Düsteralben!“
Der Albtraum hat begonnen, war Atarans erster Gedanke, als er sich in Sekundenschnelle ein Bild von der Lage machte. Erst vor wenigen Tagen hatten er und seine Soldaten Raukariiaktivitäten in diesem Teil ihrer Heimat vermutet. Doch niemand, nicht einmal die Ältesten des Clans Varas aus der gleichnamigen Hauptstadt von Ianara, aus dem auch Ataran stammte, hatte mit einem Überfall gerechnet. Wie hatten sie sich nur so irren können? Das Schreckensszenario direkt vor seinen Augen jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.
„Ihr wolltet mir nicht glauben, jetzt werden die Unschuldigen für eure Nachlässigkeit ihr Leben lassen“, fluchte Ataran bitter vor sich hin.
Fest umklammerte er den Elfenbeingriff seines Schwertes und stürzte sich mitten hinein ins Geschehen. Eine junge Iyana hinter ihm schrie plötzlich laut auf. Als der Krieger sich umwandte, stand nur wenige Meter von ihm entfernt ein Raukarii. Unheil verkündend leuchteten seine Augen auf und er rief etwas in seiner Sprache, was Ataran nicht verstand. Der Ton und die Art und Weise, wie der Feind die Worte ausstieß, ließen allerdings nur eine Lesart zu – Tod! Der Feind zog soeben sein Langschwert aus dem Körper der eben noch schreienden Iyanafrau, die daraufhin leblos zu Boden sank. Einen Atemzug später stürzte er sich auf Ataran. Ihre Waffen trafen klirrend aufeinander. In einem schnellen Tanz wirbelten die Schwerter durch die Luft. Stahl traf auf Stahl und die Funken stoben nur so durch die ungeheure Kraft des Aufpralls. Die Wut über das erbarmungslose Töten der Frau verlieh Ataran den nötigen Mut, sich der geschickten Kampfkunst des Raukarii zu stellen, der eindeutig ein guter Kämpfer war und den Iyanahauptmann mehrmals hintereinander ins Straucheln brachte. Doch einige gut gezielte Schläge Atarans konnte er nur mit Mühe abwehren. Einige Minuten gaben sich der Iyana und der Raukarii dem Rhythmus des Kampfes hin, bis sich das Blatt schließlich wendete. Die Schläge erfolgten im Takt ihres eigenen Herzschlags, als es Ataran plötzlich gelang, die defensive Abwehrhaltung des Gegners zu überwinden und diesen in einem schnellen Vorstoß an der rechten Schulter zu treffen. Der Raukarii stöhnte schmerzerfüllt auf und ließ gleichzeitig die Klinge zu Boden fallen, welche er mit dem rechten Arm eben noch so geschickt geführt hatte. Nun durfte Ataran keine Zeit vergeuden. Sofort zog er die scharfe Klinge heraus, nur um anschließend noch ein weiteres Mal zuzustoßen. Diesmal traf der Hauptmann den Brustkorb. Der Schlag war tödlich. Die Augen des Düsteralben blitzten noch einmal hell auf, dann stürzte er auf die Knie, senkte den Kopf und landete mit dem Gesicht nach unten im weichen Gras.
Ataran konnte sich jedoch keine Verschnaufpause gönnen, schon glitt sein Blick erneut über das Kampfgetümmel. Selbst in der mondlosen Nacht erkannte der Hauptmann das Ausmaß des Überfalls. Die kleine Lichtung wurde von den lichterloh brennenden Häusern seines Dorfes erhellt, und als wäre dies nicht genug, sah er überall in seiner Nähe viele tote Frauen und Kinder auf dem Boden liegen, die zuvor von den Feinden aus ihren Häusern getrieben worden waren. Doch etwas anderes als der grausige Anblick erschreckte ihn weitaus mehr – die Gegner waren nicht alleine. Bereits im nächsten Moment erhaschte Ataran aus dem Augenwinkel, wie sich ein gewaltiges Untier von mehreren Metern Höhe direkt in seine Richtung bewegte. Schnell wandte er den Kopf der Gefahr zu und erkannte einen Raukarii, der in eine Robe gehüllt auf einer riesigen Schlange saß. An beiden Seiten des Schlangenkörpers ragten Flügel heraus, ihre Fangzähne trieften vor Gift. Der Feind saß direkt vor dem Flügelansatz auf einem Sattel und schrie in der Raukariisprache abwechselnd seinen Männern und dem Tier Befehle zu. Die geflügelte Schlange reagierte auf das Kommando mit einem hohen, spitzen Schrei und flog mit schlängelnden Bewegungen und mächtigen Flügelschlägen auf die Mitte der Lichtung zu, genau in Atarans Richtung.












