Es waren zwei Königskinder

Es waren zwei Königskinder
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief.

„Ach Liebster, könntest du schwimmen,
so schwimm doch herüber zu mir!
Drei Kerzen will ich anzünden,
die sollen leuchten zu dir!“

Das hört ein falsches Nönnchen,
das täte, als wenn es schlief.
es tät die Kerzen auslöschen,
der Jüngling ertrank gar tief.

„Ach Mutter, herzliebste Mutter,
mein Kopf tut mir so weh!
Ich möchte so gern spazieren
wohl an dem grünen See.“

Die Mutter ging in die Kirche,
die Tochter hielt ihren Gang.
Sie ging so lang spazieren,
bis sie den Fischer fand.

„Ach Fischer, liebster Fischer,
willst du verdienen groß Lohn?
So wirf dein Netz ins Wasser,
und fisch mir den Königssohn!“

Er warf das Netz ins Wasser.
es ging bis auf den Grund;
er fischte und fischte solange,
bis er den Königssohn fund.

Den schloß sie in ihre Arme
und küßt seinen bleichen Mund:
„Ach Mündlein, könntest du sprechen,
so wär mein jung Herze gesund!“

Was nahm sie von ihrem Haupte?
Eine goldne Königskron.
„Sieh da, du wohledler Fischer,
hast deinen verdienten Lohn!“

Was zog sie von ihrem Finger?
Ein Ringlein von Gold so rot.
„Sieh da, du wohledler Fischer,
kauf deinen Kindern Brot!“

Sie schwang um sich ihren Mantel
und sprang wohl in den See.
„Gut Nacht, mein Vater und Mutter,
ihr seht mich nimmermeeh!“

Da hört man ein Glöcklein läuten,
da hört man Jammer und Not.
Hier liegen zwei Königskinder,
die sind alle beide tot!

Der Fischer

Das Wasser rauscht´, das Wasser schwoll
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan:
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor,
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüsstest du, wie´s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter wie du bist
Und würdest erst gesund.

Labt sich die helle Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feucht verklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ewgen Tau?

Das Wasser rauscht´, das Wasser schwoll,
Netzt´ ihm den kalten Fuß,
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da wars um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.